Vorläufiges Ende der Geschichte

Ich hatte es ja schon angedeutet im letzten Post, vor Monaten: So ganz konnte ich nicht von meiner Geliebten lassen, und natürlich sie auch nicht von mir. Das hing natürlich mit der Liebe zusammen, die wir füreinander erfahren und erleben durften, aber auch mit einem Versprechen: Wir haben immer, von Anfang an, auch über das mögliche Ende unserer Affäre gesprochen, und wir hatten uns versprochen, uns nicht zu „ghosten“, sondern, so gut es geht, dafür zu sorgen, dass der Andere, der Verlassene klar kommt.

So spielten sich in unserem sporadischen Chat-Kontakt über Wochen Dramen ab. Sie hat sogar eigens einen Instagram-Account eingerichtet, um ihre Trauer zu verarbeiten und mir Botschaften zu senden. Währenddessen durchlebte ich mit meiner Ehefrau tatsächlich so etwas wie einen zweiten Frühling, war familiär wieder engagierter, was auch im Freundeskreis nicht verborgen blieb. Der Sex wurde besser, härter, zeitweilig auch häufiger. Ich hatte das gute Gefühl, „aufgeräumt“ zu haben; die emotionale Belastung, der ich standhalten musste, war aber nicht allzu viel geringer geworden. Es war schwer auszuhalten.

So folgte, nach dem anfänglichen Beginn der Affäre und der kopflosen Liebelei, eine weitere schwere Fehleinschätzung: Ich fuhr zu meiner einstigen Geliebten, sie zu besuchen, zu helfen, für sie zu sorgen, ein Gespräch zu führen, Dinge zu klären. Wir saßen auf dem Sofa, nah beieinander, und als ich gehen wollte, fing sie an zu weinen, wollte berührt werden, wollte Sex. Wir kamen für ein paar Wochen wieder zusammen, auch wenn es sich für mich diesmal mehr wie eine Erpressung anfühlte, als dass ich Schmetterlinge im Bauch gehabt hätte.

Und so konnte es auch nicht gut gehen, nicht weitergehen. Ich schrieb ihr eine lange Mail, die erklärte, wie sehr ich meine Frau, mein Leben, meine Familie liebe. (Kam nicht gut an). Ich wich ihr aus, verlegte Treffen von ihrer Wohnung auf öffentliche Orte, um der Verlegenheit zu entgehen. (Kam auch nicht gut an). Am Valentinstag, ausgerechnet, eröffnete ich ihr bei einem ausgedehnten Spaziergang, dass es aus ist, aus sein muss. Sie weinte. Ich ging.

Ich fuhr nach Hause und hatte einen traumhaften, romantischen, erotischen Abend mit meiner Frau, die sich unheimlich viel Mühe gegeben hatte. Sie postete ein romantisches Foto bei Instagram.

Valentinstag.

Das war zu viel.

Meine Geliebte kommentierte das Instagram-Foto, öffentlich, für alle unsere Freunde sichtbar. Ich geriet in Panik, ging ans Handy meiner Frau, löschte den Kommentar. Ich flehte im Chat meine Geliebte an, sie möge aufhören, der Kinder wegen, mich meinetwegen hassen, aber die Familie in Ruhe lassen. Dennoch es war klar: Diese Situation war nicht zu retten.

Nach einigen weiteren Nächten, mit rasenden Gedanken, klopfendem Herzen, schlaflos, habe ich meiner Frau alles offenbart. Ich sagte ihr bei Kerzenschein und einer Fußmassage, dass ich sie liebe, so sehr wie nie zuvor, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben zweifelsfrei bin, dass sie die richtige ist, dass sie die einzige für mich sein soll; dass ich dafür aber einen hohen Preis bezahlt habe: anderthalb Jahre Affäre, zwei Jahre Betrug.

Ein Meer aus Eis und Tränen. Unvorstellbar.

Wenige Tage später trifft ein Brief ein, adressiert an meine Frau, ohne Absender. Darin: eine meiner e-Mails an meine Geliebte, ausgedruckt, und Fotos, die ich ihr geschickt hatte. Einige Tage später ein zweiter Brief. Ein dritter. Vielleicht noch weitere. (Ich habe sie nicht gesehen).

Für meine Frau ist die Welt zusammengebrochen; sie ist in ein Loch gefallen. Sie hat einen von zwei Menschen verloren, denen sie bedingungslos vertraut hat. Erinnerungen an gemeinsame Momente sind „vergiftet“, sagt sie. Wir reden viel, glücklicherweise reden wir noch. Ich habe ihr Zugang zu meinem e-Mail-Konto gegeben, alles offengelegt, damit sie diese e-Mails — wenn sie denn möchte — selber lesen kann, bevor meine Geliebte sie weiter scheibchenweise enthüllt. Dennoch: Wir fühlen uns nicht mehr sicher in unserem gemeinsamen (ehemaligen?) Zuhause.

Meine Frau hat gesagt, ich soll für eine Zeit woanders wohnen. Natürlich tue ich das. Ich brauche den Abstand, durchzuatmen; sie braucht vor allem den Abstand, sich klar zu werden, wie sie weitermachen will, ob sie mich zurück in ihr Leben lassen möchte. Die Zeiten, wo wir wieder vereint zu viert unter einem Dach wohnen, eben am Wochenende für ein paar Stunden, sind einerseits seltene Glücksmomente, andererseits angesichts der immensen Tragik der Situation unfassbar schwer zu ertragen.

Die Kinder wissen nicht Bescheid. Wir werden uns beraten lassen. Wenn es auf eine Trennung hinausläuft, sagte mir heute ein Profi, dann — und erst dann — solle man den Kindern es sagen. Aber weiß ich das? Nein. Das weiß nur meine Frau. Und nicht mal sie weiß es: Es wird Wochen, Monate brauchen, ihre Meinung sich vielleicht vier- oder fünfmal ändern müssen, bevor sie in der Lage sein wird, diese endgültige Wahl zu treffen, bei der es nur fürchterliche Alternativen gibt: Sie muss den Kindern ihren Vater wegnehmen, ihn vor die Tür setzen. Oder mit dem Mann unter einem Dach leben, der ihr so unbeschreiblich weh getan hat. Es ist die Hölle.

Noch mehr als den Verlust der ehelichen Treue schmerzt sie offenbar der Verlust dieser besonderen Freundschaft, dieses Vertrauens. Wir hatten alles beredet, jahrelang, über Erotik und Sex und unsere unterschiedlichen Bedürfnisse, über eine offene Beziehung, uns aneinander abgearbeitet, wir haben uns verschlissen, zeitweilig entfernt voneinander — und alles kommt ihr nun vor wie eine gigantische Lüge.

Mir erscheint die Affäre im Nachhinein wie ein letzter Ausdruck meiner Überforderung, meiner Überlastung, die nahezu krankhafte Ausmaße angenommen hatte, ein absoluter Tiefpunkt voller Höhepunkte. Und dass ich mich so in diesem Menschen täuschen konnte, auch das dürfte eine Lebenslektion sein.

So sei also gewarnt, wer dies liest. Schmetterlinge im Bauch und sexuelle Selbstvergewisserung und erotische Erfüllung sind unvergleichlich wertvoll, wichtig und schön. Ich möchte die zahlreichen Erlebnisse nicht missen. Es war eine wunderbare Zeit.

Aber der Preis? Ich würd’s nicht wieder tun. Einmal reicht. Schon einmal ist zu viel.

Viel Glück Euch allen. Sucht nicht so viel. Seid zufrieden. Genießt es.

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Ende einer Affäre

Im Oktober 2014 haben wir uns kennengelernt, zufällig, online; uns Nachrichten geschrieben. Im Dezember 2014 einen Kaffee getrunken. Im Januar 2015 sind wir zum ersten Mal gemeinsam verreist, meine Flucht nach vorn. Es entwickelte sich eine Eigendynamik, wie ich es nie geglaubt hätte. Anderthalb Jahre.

Am 13. Juli habe ich die Affäre beendet.

Es ging nicht mehr. Meine Tricks, auf Dienstreisen ausgedehnte „Auszeiten“ einzuplanen, wurden immer besser. Es wurde immer schöner, vertrauter, die Liebe größer, die Erotik prickelnder, der Sex intensiver. Aber ich konnte nicht mehr. Es war einfach zu viel. Zu viel des Guten.

Natürlich gab es Schattenseiten. Die seltenen romantischen Momente mit meiner Ehefrau, wenn wir an einem Seeufer sitzen im Sonnenuntergang, und in Gedanken bin ich bei meiner Geliebten, einfach weil ich mit ihr hunderte solcher romantischer Momente erlebt habe. Plötzlich fühlt es sich komisch an. Falsch. Natürlich auch der seltene, relativ routiniert-schematische Sex mit meiner Frau: Spürt sie etwas? Habe ich mich verändert? Berühre ich sie anders?

Die Beziehung zu meinem Bruder (der dann irgendwann Bescheid wusste) hat gelitten. Das Thema war ihm unangenehm, er liebt mich natürlich, er mag aber auch meine Frau. Sehr. Er findet, wir sind ein tolles Paar. Er wollte sich nicht zum Komplizen eines Ehebruchs machen. Er wollte sich nicht entscheiden müssen zwischen uns. Er hat sich immer seltener gemeldet. Inzwischen hat er es auch zugegeben: Er hatte einfach gehofft, die Angelegenheit schafft sich von alleine aus der Welt. (Hat sie sich nun ja auch, in seinen Augen).

Auch anderen „Mitwissern“, die ich hatte, war die Sache deutlich unangenehm. Ich habe meine Lektion gelernt: Ich kann diese Sache nur mit mir selbst ausmachen. (Oder eben anonym darüber schreiben).

Zum Therapeuten gehe ich weiterhin, jede Woche. Der Mann, der mich nicht beurteilt und verurteilt, sondern mir nüchtern hilft, den Schaden und Nutzen meiner Entscheidungen für mein Seelenheil sauber abzuwägen, er ist wohl meine Rettung.

Eine offene Beziehung hatte ich in meiner Ehe mal angesprochen, letzten Sommer schon, ich glaube, davon hatte ich hier gar nicht berichtet. Diese Idee allein nur auszusprechen hat meine Ehe in eine noch viel tiefere Krise gestürzt. Ein großer Fehler. Das Gespräch über dieses Thema hat meine Frau total verhärtet und verzweifeln lassen, ich denke, das war für sie traumatisch. Überall Selbstzweifel. Letztlich war dieser Moment der Grund, warum ich mich in Therapie begeben musste, sonst wäre wohl nichts mehr zu retten gewesen.

Vielleicht ahnt meine Frau auch etwas, gut möglich. Neues Selbstbewusstsein, gelegentlich neue Klamotten, viel Arbeit, viele Dienstreisen, mehr Engagement zu Hause, vielleicht ja auch zupackenderer Sex bei Gelegenheit. Ich weiß es nicht. Vielleicht kommt es eines Tages, wenn wir alt sind, zur Sprache: Was war da damals, als wir um die vierzig waren, Du warst plötzlich so verändert — hattest Du da was? Vielleicht werde ich es nie wissen. Auch das ist ein schwieriger emotionaler Zustand.

Als ich die Affäre beendet habe, von Angesicht zu Angesicht, bei ihr zu Hause, war meine Geliebte so verletzt und wütend, der Schmerz sitzt so tief, da ist immer noch nur Taubheit. Sie sagt mir, sie könne nicht schlafen, nicht essen, an nichts anderes denken. Ich weiß nicht, ob ich jemals jemandem so weh getan habe. Sie hat sich natürlich selbst getäuscht; sie sagt immer wieder, wir hätten es schaffen können. Ich habe ihr wohl auch Hoffnung gemacht. Aber ich konnte es nicht. Ich habe alles gegeben. Es gab keinen Streit, keine Enttäuschung, keine Krise. Ich habe ihr immer gesagt, ich werde mich nicht gegen meine Familie entscheiden. Sie hat das verstanden, so schien es. Da war nur pures Glück. Dann kam der Abgrund.

Aber ich konnte nicht mehr.

Hört sich verrückt an, oder? Wahrscheinlich kann man das gar nicht verstehen.

Es fühlt sich an, als hätte ich mir ein Stück aus meinem Herzen herausgerissen. Wir schreiben uns nach wie vor noch Nachrichten, viel seltener jetzt natürlich. Ich kann sie nicht von heute auf morgen auslöschen, diese vielen Erinnerungen, diese tiefen Gefühle. Diese Woche haben wir uns sogar einmal wiedergesehen, es musste wohl sein, aber es war furchtbar schmerzhaft, unendlich traurig. Von allen Menschen auf der Welt bin ich wohl derjenige, der am wenigsten geeignet ist, ihre Taubheit, Wundheit, Wut zu lindern, sie zu trösten, sie zu heilen.

Aber ich bin auch unendlich froh, wieder atmen zu können, und die Zeit und Aufmerksamkeit, die ich gewonnen habe, voll und ganz und mit Haut und Haaren meiner Frau zu schenken, meinen Kindern.

Zweiter Frühling.

Hoffentlich.

Frohe Weihnachten, guten Rutsch

Monatelang nichts geschrieben. Wozu auch? Manchmal meine ich, es sei schon alles gesagt, alles geschrieben worden. Vor allem aber genieße ich das Offline-Leben in vollen Zügen. Dennoch will ich Euch danken für die treue Leserschaft und die Kommentare, und die Anteilnahme, die sie ausdrücken, und die mir nach wie vor so viel bedeuten.

Meine Affäre, meine Geliebte ist mir erhalten geblieben. Eine wunderbare Frau. Was bin ich für ein Glückspilz. Sie freut sich über jede Gelegenheit, zu der wir uns sehen können, und das waren im abgelaufenen Jahr viel mehr, als wir uns erträumt hätten. Sie weiß, dass sie die „Nummer zwei“ ist, aber sie akzeptiert ihre Rolle, mehr noch, sie ist sehr glücklich, mich zu haben. Natürlich hätte sie gerne mehr von mir; natürlich hätte ich gerne mehr von ihr, das ist für uns beide gelegentlich nicht einfach, und für sie kommt erschwerend noch hinzu, dass sie an der Situation nichts ändern kann, abhängig von mir ist. Der Sex ist (auch das hätte ich mir nicht träumen lassen) immer besser geworden, intensiver, vertrauter, mutiger. Ich will nichts anderes mehr.

Seit September bin ich wöchentlich in psychotherapeutischer Behandlung. Auf Anraten meiner Hausätztin, aber freiwillig und allein. Wir erforschen meine Situation, die Ursachen für meinen Stress, meine Erschöpfung — Job, Haus, Kinder, Garten, Gesundheit — die Defizite meiner Ehe, die Auswirkungen der Affäre. Ich reflektiere und ziehe ständig Bilanz: Was nutzt die Geliebte, was schadet der Betrug? Es tut mir sehr gut, jemanden zu haben, der meine Situation nicht ständig moralisch beurteilt, oder mich sogar verurteilt, sondern der mir einfach hilft, klarzukommen. Jemand, der offenbar Erfahrung hat mit derartigen Konstellationen. Ich meditiere täglich, bin achtsamer geworden. Ich habe mich in Physiotherapie begeben, um meinen Rücken zu kräftigen. Ich mache Pläne fürs neue Jahr. Freunde sagen mir, ich hätte viel mehr Energie als noch vor einigen Monaten. Wenn die wüssten…

Meine Frau weiß von der Therapie (aber erst, seit ich mir sicher bin, dass der Weg der richtige ist). Sie merkt, wie ich an mir arbeite, um ein Vielfaches gelassener geworden bin. Das Thema Erotik und Sex steht in unserer Ehe nicht länger als dunkler Schatten ständig neben uns. Auch sie ist von einem anstrengenden Jahr sehr erschöpft, aber an dieser Stelle kann sie nun endlich durchatmen.

Also bin ich überzeugt (zumindest für den Moment): Die Liaison mit meiner wunderbaren, einzigartigen Geliebten nimmt meiner Familie nichts weg; sie fügt etwas hinzu. Ich tue mich natürlich immer wieder schwer damit, eine derartige Täuschung aufzubauen, einen derartigen Betrug zu begehen, gelegentlich zu lügen (auch wenn ich das natürlich vermeide). Aber ich will diese Erfüllung, die ich hier finde, längst nicht nur Sex, sondern das Verliebtsein, das Bemühen, das Begehrtwerden, die Romantik, die Zärtlichkeiten, und diese wunderbare Person, die so gut zu mir ist, nicht mehr missen.

Und so ist diese komplizierte Situation momentan die beste aller schlechten Möglichkeiten, mein Leben zu führen, so dass ich es — wenn ich vielleicht eines Tages vom Sterbebett zurückblicke — als gelungen bezeichnen würde.

Wer noch etwas Inspiration sucht für die stille Zeit zwischen den Jahren, der kann sich diesen Vortrag der Paartherapeutin Esther Perel anschauen. Die Frau ist wunderbar. Ich hatte schon mal einen Vortrag von ihr hier vorgestellt. Dieser, der aktuellere, gefällt mir noch besser. Mehr noch: Er rührt mich zu Tränen.

Ich wünsche Euch einen guten Abschluss des Jahres, einen guten Rutsch, und alles Gute für 2016. Danke nochmal für die treue Leserschaft.

Erste Rückschau, neue Klarheit

Meine Affäre dauert an, sie ist wunderschön auf allen Ebenen, und sie liefert sicherlich auch Gründe, warum es in diesem Blog von mir nur noch selten Neues gibt. Einerseits verwende ich die knappe Zeit, die ich alleine für mich am Rechner habe, um den erotischen Kontakt zu halten oder Treffen zu vereinbaren. (Wir sehen uns vielleicht zwei- oder dreimal im Monat.) Andererseits fehlt mir diese Zeit, um an meiner Ehe zu arbeiten, so dass es von keinen Fortschritten oder auch nur Regungen zu berichten gibt.

Ganz sicher sagen kann ich, dass der Sex, wie ich ihn im Moment erlebe, in einer lange währenden Beziehung, mit einem Partner, mit dem man lange zusammen ist, nicht möglich wäre. Vielleicht gibt es Paare, die das schaffen, da ziehe ich den Hut, aber es wäre mir ein Rätsel. Diese Gefühle, diese Leidenschaft, die Eroberung, das Abenteuer, die Neugier, die gegenseitige Erforschung, die Aufmerksamkeit, den unstillbaren Hunger aufeinander, die Intensität, mit der sich diese Gefühle entladen, wenn wir uns sehen, das kann man wohl nur in einer Affäre erleben.

Ebenfalls sagen kann ich, dass one-night-stands nicht das gleiche Niveau an Erfüllung bieten können. Weil es so zu sein scheint, dass man sich – lange, bevor sich Routinen einschleichen – aneinander gewöhnt, sich zunehmend vertraut, und die Intimität der Begegnungen, die Erotik des Abenteuers, der Zauber des Entdeckens und die Erfüllung der Zweisamkeit noch immer zu steigern scheinen, bevor sie zu stagnieren, die Erlebnisse zu verflachen beginnen. (Was ich erwarte, aber vielleicht bin ich in meiner Ehe nur vorsichtig und zynisch geworden).

In einer ersten Rückschau mit etwas Abstand fällt mir dennoch auf, dass ich auf dem Holzweg bin. Die Situation verlangt nach einer Entscheidung, die ich alsbald treffen muss. Ich stecke in einer Sackgasse. Denn letztlich wird mir klar, dass alles auf drei Alternativen hinausläuft:

  1. Abstinenz, d.h. auf derart intensive Erotik, Sinnlichkeit und abwechslungsreichen Sex verzichten. Das würde meine Ehe erhalten, aber mir würde, das glaube ich jetzt zu wissen, etwas Essentielles fehlen, das Teil meiner Person ist.
  2. Entwicklung unserer Ehe, d.h. auch Erotik, Sinnlichkeit und abwechslungsreichen Sex zu einem regelmäßigen Element unserer alltäglichen Beziehung zu entwickeln. Das wäre wohl immer noch nicht das gleiche, aber ein sehr guter Kompromiss, mit dem ich glücklich leben könnte. Allein, mir fehlt nach all der Zeit der Glaube, dass wir das bewerkstelligen können.
  3. Offene Beziehung, d.h. die Ehe läuft weiter wie bisher, aber ich darf mir nebenbei „die Akkus aufladen“, was Erotik und Sex angeht.

Meine Frau länger zu betrügen, ist keine nachhaltige Lösung. Bereits jetzt fühlt sich meine Situation sehr falsch an. Bei aller Mühe, meine Erfüllung, meine Ausgeglichenheit und die gute Laune in den Familienalltag zu tragen, was mir generell gut gelingt: Ich spüre, wie unsere Beziehung erodiert. Wenn wir Spannungen im hektischen Alltag austragen, nagt an mir automatisch immer das Gefühl, es läge an meiner Untreue.

Zumindest das habe ich also erreicht: eine neue Klarheit. Ich erlebe am eigenen Körper, dass mir (guter, häufiger) Sex zu wichtig ist, um das Thema jetzt auf sich beruhen und meine Bemühungen einschlafen zu lassen. Wenn sich meine Frau nicht bewegen kann und will, muss ich eine offene Beziehung anstreben, bei der gerne sie für mich die Regeln der Toleranz setzen und formulieren kann. Ich werde das ansprechen. Allein, ich zweifle, dass sie sich darauf einlassen kann und wird.

Doch auch hier wird mir klar, was die letzte Konsequenz wäre: Ich wäre inzwischen, so denke ich zumindest zeitweilig, bereit, mich zu trennen, wenn ich dafür einen ehrlichen Weg fände, begehrt, befriedigt und zufrieden sein zu können.

Ich will den Sex nicht missen. Ich will nicht ungeschehen machen, was geschehen ist, aber ich brauche einen Ausweg, der sich nicht mal abzeichnet.

Die Flucht nach vorn

Wem sage ich das, Ihr wisst es längst: Mein Blog ist vernachlässigt. Ich poste längst nicht mehr so regelmäßig wie zu Beginn. Dafür gibt es vielleicht zwei Hauptgründe.

Einerseits bewegt sich schlicht und einfach nicht viel. Wir haben uns in unserer Ehe wieder gut arrangiert. Der Alltag läuft, mal besser, mal schlechter, kein Durchbruch, kein Absturz. Keine Bitterkeit, aber auch keine Ekstase. Funktionierendes Teamwork. Kein Sex.

Andererseits ist meine Zeit und Aufmerksamkeit, schon immer knapp, an anderer Stelle gebunden: Seit einigen Monaten habe ich eine Affäre.

Es fing mit einem harmlosen Quatsch an, eine Online-Bekanntschaft, dann stellten wir fest, dass vieles für uns ideal passt. Wir sehen uns ca. alles zwei Wochen, oft nur für eine kurze Verabredung. Sie reist mir nach Möglichkeit nach auf meinen Dienstreisen.

Alles passt: Wellenlänge und Gespräche, Selbstironie und trockener Humor, ständige prickelnde Erotik, gelegentlicher aufregend-intensiver Sex. Wir sprechen sehr offen, sehr erwachsen, über unsere Bedürfnisse, Wünsche, Hoffnungen, Grenzen. Wir wissen beide, dass wir keine große Zukunft haben, aber wir genießen die Gegenwart.

Natürlich habe ich Zweifel. Natürlich macht es keinen Spaß, zu verheimlichen und zu betrügen. Dass es aber für meine Ehe besser wäre, weiter mit dem dunklen Schatten zu leben, dem Gefühl, etwas Wesentliches fehlt, das ständig unausgesprochen zwischen uns steht, das glaube ich nicht.

Deshalb denke ich, zumindest im Moment, es ist eine win-win-win-win-Situation: Die Kinder haben einen alltäglich deutlich entspannteren Papa, meine Frau einen energischeren, besser gelaunten, kraftvoll zupackenden Ehemann, mein Chef einen spürbar selbstbewussteren Mitarbeiter. Ich bekomme, was ich will und was ich meine, zu brauchen – und noch mehr.

Es überrascht mich selbst ein bisschen: Ich fühle mich gut. Kein Jammern, kein Selbstmitleid, kein Suchen, kein Flautencounter mehr. Und eben weniger Zeit, zu bloggen.

Nicht nur du?

„Nicht nur du“.

Unter dieser Überschrift widmet sich ein aktueller Artikel in der Süddeutschen Zeitung der Frage, ob eine monogame Beziehung überhaupt noch zeitgemäß ist.

Noch vor 20 Jahren wäre es kaum vorstellbar gewesen, dass im Fernsehen oder mitten in der Stadt Seitensprung-Agenturen auf Plakaten für „sinnliche Abenteuer mit Niveau“ werben. Heute besuchen junge Paare ganz unverkrampft Swingerpartys. Und polyamore Intim-Netzwerke buchen sich einen Stammtisch in der Szene-Bar.

Ich habe schon viele derartige Artikel gelesen — von den monogamen Schwänen und den männlichen Primaten, die nur versuchen, ihren Samen möglichst breit zu streuen. Also hatte erwartet, nicht viel neues zu finden. Dann war ich doch erstaunt, wie ausführlich und ausgewogen der Artikel das Thema behandelt.

Am Ende hatte ich jedoch einfach nur ein flaues Gefühl. Vielleicht einfach deshalb, weil in meinem Leben doch alles so kompliziert erscheint? Weil ich nicht mal weiß, was meine Frau von dem Artikel halten würde, hätte sie ihn gelesen? Weil ich ihn ihr nicht mal zu lesen empfehlen kann, ohne dass das sofort Fragen auftauchen: Warum dieses Thema, was willst Du mir damit sagen?

Vergleichen macht unglücklich

Ich finde, die Idee, dass der Lebenspartner für einen ausgewählt wird, hat etwas Interessantes. Der Stellenwert der Beziehung zu den Ahnen, die für mich die Auswahl treffen, scheint höher zu sein als der Stellenwert der späteren Beziehung zum Ehepartner. Ein Scheitern, Scheidung, zweite Wahl, stehen damit gewissermaßen gar nicht zur Debatte. Einmal auserwählt, immer auserwählt.

Mein Eindruck war überhaupt nicht, dass mein Freund unglücklich mit der Situation schien. Seine Frau kenne ich längst nicht so gut, bin jetzt aber um so mehr gespannt, wie mein Gefühl sein wird, wenn ich sie näher kennen lerne.

Man kann es ganz einfach so zuspitzen, wie ich es oft empfinde, und es auch einer der Kommentare ausgedrückt hat: Vergleichen macht unglücklich.

Gerade heute, wo einem Online-Dating-Portale das Gefühl geben, ein neuer Partner sei im Zweifel nur ein paar Mausklicks und Messages entfernt, ist die empfundene Unzufriedenheit mit der eigenen Beziehung schnell ein Auslöser von Fluchhandlungen. Das hat mir gerade wieder ein sehr lesenswerter Artikel aus „The Atlantic“ in Erinnerung gerufen:

Having met Rachel so easily online, he felt confident that, if he became single again, he could always meet someone else. […] What if the prospect of finding an ever-more-compatible mate with the click of a mouse means a future of relationship instability, in which we keep chasing the elusive rabbit around the dating track?