Ein sexueller Neustart

Mit Sex hat diese Geschichte angefangen, könnte man sagen, also liegt doch jetzt vor allem die Frage nahe: Wie geht es mit dem Sex jetzt weiter?

Tja. Eine vielschichtige Angelegenheit.

Zunächst macht sich hier die Arbeit an mir selbst bemerkbar. Meine langjährige Therapie, die ich ganz allein für mich gemacht habe, als sich meine Beziehungs- und Ehekrisen freilich längst abzeichneten. Ich habe die Rolle, die Sex in meinem Leben spielt bzw. spielen soll, komplett neu vermessen und verteilt. Sexualität ist ein wesentlicher Teil von mir, und ich kann nicht glücklich leben ohne sie. Sex gibt mir Energie.

Aber einerseits: Der Preis, sich hier treiben, sich ganz gehen zu lassen, so erfüllend das auch war, er war zu hoch. Ich hab‘ mich ausgelebt, ich hab‘ das genossen, aber ich habe auch festgestellt: Auf Dauer ist das für mich keine Lösung. Es hat mich fertig gemacht, mich „teilen“ zu müssen. Ich wollte weder auf meine Familie verzichten noch auf meine Geliebte — und musste mich dann schmerzhaft entscheiden (von den Schmerzen, die ich anderen damit zugefügt habe, hier mal ganz zu schweigen). Deshalb will ich eine solche Affäre, so ein Abenteuer, so ein Doppelleben, nie wieder.

Und andererseits: Ich kann auf so viele verschiedene Arten Sex haben. Meiner Phantasie freien Lauf lassen. Genießen, wie die Lust, wie die Spannung sich in mir aufbaut. Mich selbst befriedigen, wenn mir danach ist, was ich früher nie genießen konnte. Inzwischen besitze ich ein bescheidenes Sortiment an Toys, die ich manchmal nutze, manchmal nicht, aber egal: Das ist allein meine Sache, niemand sonst muss davon wissen. Ich habe Geschmack an Pornos gefunden, die ich manchmal schaue, und oft auch nicht, wenn ich mich nur auf meine Träume und Gedanken verlassen will. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig.

Und meine Frau? Ich sehne mich nach ihr, und ich lasse sie das auch spüren, aber ich verkrampfe mich nicht mehr, und auch das spürt sie eben. Alles kann, nichts muss, und all das ist eben zunächst mal ihre Entscheidung (zumal nach der erzwungenen Trennung). Sie musste das Vertrauen in mich erst zurückgewinnen, zumindest war das der zaghafte Anfang: Ihr zu zeigen, dass ich abwarten konnte, dass es mir ernst ist mit uns.

Dann haben wir viel geredet über ihre Bedürfnisse, in der gemeinsamen Paartherapie und später auch unter uns. Sie redet vor allem viel darüber, was alles dazu führt, dass sie oft eben keine Lust hat. Es tat mir überraschenderweise sogar gut, das zu hören. Weil ihre Lustlosigkeit nämlich an allem möglichen liegen kann, am Job, an den Kindern, am eigenen Körpergefühl, an den Eltern und Geschwistern vielleicht, am Stress mit Kollegen, am Wetter, am unerledigten Haushalt, offenen Baustellen, und eben tausend Dingen, die alle nichts mit mir zu tun haben.

Und so haben wir natürlich auch wieder Sex, gelegentlich, nicht häufig, aber wenn wir in der letzten Zeit Sex hatten, dann war es relativ häufig eine „Premiere“. Wir haben Dinge ausprobiert, die wir nicht zuvor getan hatten, und immer ging die Initiative dazu von ihr aus, die Verführung, also die Gelegenheit, aber auch die Praktiken und die Intensität. Ein völlig neues Beziehungsgefühl und eine völlig neue Basis, zusammenzukommen.

Ist damit alles in Butter, alles im Lack? Natürlich nicht. Fernab davon. Die Beschäftigung mit Pornos beispielsweise, und generell mit meinen Gelüsten und Phantasien, hat mir natürlich auch gezeigt, dass ich mir Dinge vorstelle und wünsche, die ich mit der Frau, die ich liebe, eher nicht ausleben möchte. Dafür, für diese wilde, ungezügelte, ja bisweilen brutale Seite, war die Affäre natürlich perfekt. Und so bin ich manchmal traurig, sehr sogar, aber auch das ist ja okay. Alles zu seiner Zeit.

Ich denke in viel größeren Zeitzusammenhängen. Eben waren wir noch ein total aufeinander fixiertes Paar ohne Kinder, jetzt haben wir beide unsere Karrieren, das gemeinsame Zuhause, die Familie, und guck, wie schnell die Kinder groß werden, ruck-zuck sind die schon wieder aus dem Haus und wir sind wieder zu zweit. Mehr zweisame Zeit für uns kommt ganz sicher noch, wenn wir es nicht wieder verkacken.

In der Zwischenzeit mache ich viel Sport, bin draußen, beschäftige mich mit schönen Dingen, engagiere mich im Sportverein in der Jugendarbeit, genieße Geselligkeit, neue und neu entdeckte Freundschaften, gutes Essen und Trinken, die Zeit mit den Kindern, und habe schlicht und einfach eine bescheidene, dankbare Freude an meiner Existenz.

Der Sex hat darin seinen Platz. Nicht mehr — aber auch nicht weniger.

Die alte Liebe ist die neue Liebe

Wir sind wieder zusammen, meine Frau und ich. Anderthalb Jahre schon.¹

Ich weiß schon gar nicht mehr, wie genau alles geschah. In der Adventszeit hatte ich mich daran erinnert, dass wir zwar verheiratet sind, aber nie verlobt waren. Mir gefiel die Idee, ihr nach allem, was geschehen war, einen „Verlobungsring“ zu schenken, mit einem Brillianten. Manche Frauen tragen ja Ehe- und Verlobungsring „übereinander“ am selben Finger. Ich kaufte also einen schönen, einzigartigen Ring, ohne einen klaren Plan zu haben, wann und wie ich ihn ihr schenken würde. (Oder ob je überhaupt.)

Über Weihnachten und Neujahr zog ich zurück in unser gemeinsames Haus — obwohl wir natürlich selbstverständlich getrennt waren. Wir blieben auf Distanz, aber wir feierten das Fest der Liebe zusammen, waren gut zu unseren Kindern. Eltern und Schwiegereltern, Cousins und Cousinen, Onkels und Tanten kamen zu Besuch. Auch an Silvester verbrachten wir einen schönen Abend zusammen, mit engen, inzwischen engsten, und nahezu den einzigen Freunden, die diese Bezeichnung wirklich verdienen. (Wie sich der Freundeskreis nach der Offenbarung einer Affäre neu sortiert, ist Stoff für einen weiteren Post, hier geht’s zunächst um uns).

Relativ kurz bevor im Januar die erneute „Trennung“ anstand — ich wäre zurück in meine eigene Wohnung gezogen — bot meine Frau an, dass wir es nochmal versuchen. Als Paar. Aufs Neue. Vorsichtiger Neuanfang.

Das muss der Moment gewesen sein, wo ich ihr dann auch den Ring übergeben und geschenkt habe. Sie trägt ihn seither.

Die Wohnung habe ich wieder aufgegeben. Wir wohnen mit den Kindern unter einem Dach.

Wie genau wir unsere neue Liebe bestreiten, unseren neuen Alltag eingerichtet haben, mit den Kindern umgehen, mit der Nähe, mit Zärtlichkeit und Erotik, mit Sex, all das muss ich ein andermal erzählen. Auch wie es mit meiner Geliebten weitergegangen ist, ist noch nicht 100%ig auserzählt.

Aber eins nach dem anderen…

Ich bin froh und dankbar für das Leben, das ich habe. Jeden Tag. Oft weine ich vor Glück. Lieder, die im Radio laufen, Spaziergänge und Sonnenuntergänge, Momente allein in unserem Garten oder unserem Haus, ihr äußerst selten und niemals leichtfertig ausgesprochenes „ich liebe Dich“ — es gibt zahlreiche Momente, die mir vor Augen führen, wie zerbrechlich mein Glück ist, wie schnell alles vorbei sein kann, wie knapp ich davor stand, ein ganz anderes Leben zu führen, mit anderen Vorzügen natürlich, aber eben auch mit anderen Entbehrungen.

Es ist alles gut so, wie es ist.

Ich hatte hier eher beiläufig schon mal auf den großartigen TEDtalk der Paartherapeutin Esther Perel verwiesen, der mit den folgenden Worten schließt:

Today in the West, most of us are going to have two or three relationships or marriages, and some of us are going to do it with the same person. Your first marriage is over. Would you like to create a second one together?

Das ist genau das, was wir momentan tun.


¹ – Ich weiß, eine lange Zeit, es tut mir sehr leid für Euch. Wir mussten, wir müssen unser Leben neu sortieren, suchen den Blick in die gemeinsame Zukunft; es wäre schwer für mich gewesen, mich hier an dieser Stelle immer wieder meiner Vergangenheit zu stellen. Selbstverständlich habe ich das an anderen Stellen ständig getan, aufgearbeitet, hinterfragt, in meiner eigenen Therapie, in der Paartherapie, und in vielen schmerzlichen Gesprächen mit meiner Frau.

Stayin‘ Alive

Nach langer, nach sehr langer Zeit habe ich mal wieder meinen eigenen Blog besucht, mich hier eingeloggt, und mit einigem Erstaunen gesehen, wie viele Menschen hier nach wie vor vorbeikommen, immer noch, jeden Tag. Ihr kommt über Google-Suchen zu mir, oder schaut regelmäßig, ob es endlich Neues gibt. Viele von Euch haben in der Zwischenzeit Kommentare hinterlassen, einige von Euch sogar per Mail geschrieben.

Danke.

Ich kenne Euch nicht, aber natürlich seid Ihr mir irgendwie nah gekommen in all der Zeit. Das berührt mich sehr.

Es ist viel passiert in letzter Zeit, zu viel, als dass ich es auf die Schnelle runterschreiben könnte. Sehr viel Schönes, sehr viel Gutes vor allem. Mir geht es gut.

Und ich verspreche, ich bringe mal wieder Ordnung in meine Gedanken, und ich werde sie mit Euch teilen. Bleibt dran. Bis bald.

Frohes Fest!

Für heute gibt es natürlich nicht mehr viel zu sagen, aber eins noch: Ich wünsche Euch allen ein frohes Weihnachtsfest, ein paar stille Tage und gute Erholung. Kommt gut ins neue Jahr.

Danke für Eure Anregungen und den Austausch hier.

Friede sei nun in Euren Häusern, und in Euren Herzen!

2F

Fifty-fifty

Zehn Monate getrennt. Sind wir doch, oder? Ich weiß es gar nicht. Wir gehen zur Paartherapie, sind als Familie in den Sommerurlaub gefahren, wir schlafen getrennt, aber verbringen teilweise ganze Wochenenden gemeinsam. Manchmal fühlt es sich an wie früher, wir wuppen den Alltag, verbringen gemeinsame Zeit mit den Kindern. Wir werden nicht zärtlich oder gar intim, aber das war ja eigentlich schon immer so. Manchmal fühlt es sich richtig an, manchmal falsch. Manchmal fühlt es sich an, als seien wir längst ein Ex-Paar, mit zwei Wohnsitzen und geteiltem Sorgerecht.

Als die Paartherapie begann, sagten uns die Therapeuten, es wäre eine „ergebnisoffene“ Beratung, mit dem Ziel einer Versöhnung oder auch einer „sauberen“ Trennung. Ich will keine Trennung. Ich habe das Gefühl, ich habe „aufgeräumt“ in meinem Leben, schon letztes Jahr, mit dem Ende der Affäre; aber auch in dem Dreivierteljahr, das wir getrennt leben. Es wäre ja so einfach gewesen, den Schlussstrich endgültig zu ziehen? Oder doch nicht? Wäre es nicht schmerzlich und schwer, das Zuhause aufzugeben? Und die Familie, der Kinder wegen? Sicher, auch. Ich weiß jedenfalls was ich will. Ich genieße es, allein zu sein, wirklich allein, zu mir zu kommen, auch mal auszuruhen. Aber ich kämpfe auch, mit allem, was ich habe, um uns, für uns, und ich spüre immer deutlicher, ich kann nicht für immer so leben, zwischen den Stühlen sitzen, pendeln. Genau das wollte ich schließlich nicht mehr.

Und natürlich sitzt auch meine Frau zwischen den Stühlen, arbeitet, arbeitet sich ab, sie kämpft auch, aber mehr mit sich selbst, weniger mit mir. Ich denke, sie nimmt es mir ab, dass ich mich klar positioniert habe, mit der Zeit sind die Zweifel an meiner Aufrichtigkeit wohl immer geringer geworden, in Wellen kamen die Traurigkeit, der Zorn und die Wut. Und jetzt liegt sozusagen der Ball in ihrem Spielfeld. Jede Therapiestunde beginnt damit, dass ich berichte, wie es mir geht, und es geht mir gut, aber ich weiß auch was ich will, und ich kann das nicht aussprechen, ohne weiter Druck auf sie auszuüben: Entscheide Dich mal, Mädchen!

Fifty-fifty: So sieht sie aus, meine Welt, im Dezember 2017. Was für ein Jahr.

Euch allen wünsche ich noch eine friedliche Adventszeit und ein frohes Weihnachtsfest. Umgebt Euch mit den Menschen, die Ihr liebt. Wirklich liebt. Macht das beste daraus.

Vorläufiges Ende der Geschichte

Ich hatte es ja schon angedeutet im letzten Post, vor Monaten: So ganz konnte ich nicht von meiner Geliebten lassen, und natürlich sie auch nicht von mir. Das hing natürlich mit der Liebe zusammen, die wir füreinander erfahren und erleben durften, aber auch mit einem Versprechen: Wir haben immer, von Anfang an, auch über das mögliche Ende unserer Affäre gesprochen, und wir hatten uns versprochen, uns nicht zu „ghosten“, sondern, so gut es geht, dafür zu sorgen, dass der Andere, der Verlassene klar kommt.

So spielten sich in unserem sporadischen Chat-Kontakt über Wochen Dramen ab. Sie hat sogar eigens einen Instagram-Account eingerichtet, um ihre Trauer zu verarbeiten und mir Botschaften zu senden. Währenddessen durchlebte ich mit meiner Ehefrau tatsächlich so etwas wie einen zweiten Frühling, war familiär wieder engagierter, was auch im Freundeskreis nicht verborgen blieb. Der Sex wurde besser, härter, zeitweilig auch häufiger. Ich hatte das gute Gefühl, „aufgeräumt“ zu haben; die emotionale Belastung, der ich standhalten musste, war aber nicht allzu viel geringer geworden. Es war schwer auszuhalten.

So folgte, nach dem anfänglichen Beginn der Affäre und der kopflosen Liebelei, eine weitere schwere Fehleinschätzung: Ich fuhr zu meiner einstigen Geliebten, sie zu besuchen, zu helfen, für sie zu sorgen, ein Gespräch zu führen, Dinge zu klären. Wir saßen auf dem Sofa, nah beieinander, und als ich gehen wollte, fing sie an zu weinen, wollte berührt werden, wollte Sex. Wir kamen für ein paar Wochen wieder zusammen, auch wenn es sich für mich diesmal mehr wie eine Erpressung anfühlte, als dass ich Schmetterlinge im Bauch gehabt hätte.

Und so konnte es auch nicht gut gehen, nicht weitergehen. Ich schrieb ihr eine lange Mail, die erklärte, wie sehr ich meine Frau, mein Leben, meine Familie liebe. (Kam nicht gut an). Ich wich ihr aus, verlegte Treffen von ihrer Wohnung auf öffentliche Orte, um der Verlegenheit zu entgehen. (Kam auch nicht gut an). Am Valentinstag, ausgerechnet, eröffnete ich ihr bei einem ausgedehnten Spaziergang, dass es aus ist, aus sein muss. Sie weinte. Ich ging.

Ich fuhr nach Hause und hatte einen traumhaften, romantischen, erotischen Abend mit meiner Frau, die sich unheimlich viel Mühe gegeben hatte. Sie postete ein romantisches Foto bei Instagram.

Valentinstag.

Das war zu viel.

Meine Geliebte kommentierte das Instagram-Foto, öffentlich, für alle unsere Freunde sichtbar. Ich geriet in Panik, ging ans Handy meiner Frau, löschte den Kommentar. Ich flehte im Chat meine Geliebte an, sie möge aufhören, der Kinder wegen, mich meinetwegen hassen, aber die Familie in Ruhe lassen. Dennoch es war klar: Diese Situation war nicht zu retten.

Nach einigen weiteren Nächten, mit rasenden Gedanken, klopfendem Herzen, schlaflos, habe ich meiner Frau alles offenbart. Ich sagte ihr bei Kerzenschein und einer Fußmassage, dass ich sie liebe, so sehr wie nie zuvor, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben zweifelsfrei bin, dass sie die richtige ist, dass sie die einzige für mich sein soll; dass ich dafür aber einen hohen Preis bezahlt habe: anderthalb Jahre Affäre, zwei Jahre Betrug.

Ein Meer aus Eis und Tränen. Unvorstellbar.

Wenige Tage später trifft ein Brief ein, adressiert an meine Frau, ohne Absender. Darin: eine meiner e-Mails an meine Geliebte, ausgedruckt, und Fotos, die ich ihr geschickt hatte. Einige Tage später ein zweiter Brief. Ein dritter. Vielleicht noch weitere. (Ich habe sie nicht gesehen).

Für meine Frau ist die Welt zusammengebrochen; sie ist in ein Loch gefallen. Sie hat einen von zwei Menschen verloren, denen sie bedingungslos vertraut hat. Erinnerungen an gemeinsame Momente sind „vergiftet“, sagt sie. Wir reden viel, glücklicherweise reden wir noch. Ich habe ihr Zugang zu meinem e-Mail-Konto gegeben, alles offengelegt, damit sie diese e-Mails — wenn sie denn möchte — selber lesen kann, bevor meine Geliebte sie weiter scheibchenweise enthüllt. Dennoch: Wir fühlen uns nicht mehr sicher in unserem gemeinsamen (ehemaligen?) Zuhause.

Meine Frau hat gesagt, ich soll für eine Zeit woanders wohnen. Natürlich tue ich das. Ich brauche den Abstand, durchzuatmen; sie braucht vor allem den Abstand, sich klar zu werden, wie sie weitermachen will, ob sie mich zurück in ihr Leben lassen möchte. Die Zeiten, wo wir wieder vereint zu viert unter einem Dach wohnen, eben am Wochenende für ein paar Stunden, sind einerseits seltene Glücksmomente, andererseits angesichts der immensen Tragik der Situation unfassbar schwer zu ertragen.

Die Kinder wissen nicht Bescheid. Wir werden uns beraten lassen. Wenn es auf eine Trennung hinausläuft, sagte mir heute ein Profi, dann — und erst dann — solle man den Kindern es sagen. Aber weiß ich das? Nein. Das weiß nur meine Frau. Und nicht mal sie weiß es: Es wird Wochen, Monate brauchen, ihre Meinung sich vielleicht vier- oder fünfmal ändern müssen, bevor sie in der Lage sein wird, diese endgültige Wahl zu treffen, bei der es nur fürchterliche Alternativen gibt: Sie muss den Kindern ihren Vater wegnehmen, ihn vor die Tür setzen. Oder mit dem Mann unter einem Dach leben, der ihr so unbeschreiblich weh getan hat. Es ist die Hölle.

Noch mehr als den Verlust der ehelichen Treue schmerzt sie offenbar der Verlust dieser besonderen Freundschaft, dieses Vertrauens. Wir hatten alles beredet, jahrelang, über Erotik und Sex und unsere unterschiedlichen Bedürfnisse, über eine offene Beziehung, uns aneinander abgearbeitet, wir haben uns verschlissen, zeitweilig entfernt voneinander — und alles kommt ihr nun vor wie eine gigantische Lüge.

Mir erscheint die Affäre im Nachhinein wie ein letzter Ausdruck meiner Überforderung, meiner Überlastung, die nahezu krankhafte Ausmaße angenommen hatte, ein absoluter Tiefpunkt voller Höhepunkte. Und dass ich mich so in diesem Menschen täuschen konnte, auch das dürfte eine Lebenslektion sein.

So sei also gewarnt, wer dies liest. Schmetterlinge im Bauch und sexuelle Selbstvergewisserung und erotische Erfüllung sind unvergleichlich wertvoll, wichtig und schön. Ich möchte die zahlreichen Erlebnisse nicht missen. Es war eine wunderbare Zeit.

Aber der Preis? Ich würd’s nicht wieder tun. Einmal reicht. Schon einmal ist zu viel.

Viel Glück Euch allen. Sucht nicht so viel. Seid zufrieden. Genießt es.

Ende einer Affäre

Im Oktober 2014 haben wir uns kennengelernt, zufällig, online; uns Nachrichten geschrieben. Im Dezember 2014 einen Kaffee getrunken. Im Januar 2015 sind wir zum ersten Mal gemeinsam verreist, meine Flucht nach vorn. Es entwickelte sich eine Eigendynamik, wie ich es nie geglaubt hätte. Anderthalb Jahre.

Am 13. Juli habe ich die Affäre beendet.

Es ging nicht mehr. Meine Tricks, auf Dienstreisen ausgedehnte „Auszeiten“ einzuplanen, wurden immer besser. Es wurde immer schöner, vertrauter, die Liebe größer, die Erotik prickelnder, der Sex intensiver. Aber ich konnte nicht mehr. Es war einfach zu viel. Zu viel des Guten.

Natürlich gab es Schattenseiten. Die seltenen romantischen Momente mit meiner Ehefrau, wenn wir an einem Seeufer sitzen im Sonnenuntergang, und in Gedanken bin ich bei meiner Geliebten, einfach weil ich mit ihr hunderte solcher romantischer Momente erlebt habe. Plötzlich fühlt es sich komisch an. Falsch. Natürlich auch der seltene, relativ routiniert-schematische Sex mit meiner Frau: Spürt sie etwas? Habe ich mich verändert? Berühre ich sie anders?

Die Beziehung zu meinem Bruder (der dann irgendwann Bescheid wusste) hat gelitten. Das Thema war ihm unangenehm, er liebt mich natürlich, er mag aber auch meine Frau. Sehr. Er findet, wir sind ein tolles Paar. Er wollte sich nicht zum Komplizen eines Ehebruchs machen. Er wollte sich nicht entscheiden müssen zwischen uns. Er hat sich immer seltener gemeldet. Inzwischen hat er es auch zugegeben: Er hatte einfach gehofft, die Angelegenheit schafft sich von alleine aus der Welt. (Hat sie sich nun ja auch, in seinen Augen).

Auch anderen „Mitwissern“, die ich hatte, war die Sache deutlich unangenehm. Ich habe meine Lektion gelernt: Ich kann diese Sache nur mit mir selbst ausmachen. (Oder eben anonym darüber schreiben).

Zum Therapeuten gehe ich weiterhin, jede Woche. Der Mann, der mich nicht beurteilt und verurteilt, sondern mir nüchtern hilft, den Schaden und Nutzen meiner Entscheidungen für mein Seelenheil sauber abzuwägen, er ist wohl meine Rettung.

Eine offene Beziehung hatte ich in meiner Ehe mal angesprochen, letzten Sommer schon, ich glaube, davon hatte ich hier gar nicht berichtet. Diese Idee allein nur auszusprechen hat meine Ehe in eine noch viel tiefere Krise gestürzt. Ein großer Fehler. Das Gespräch über dieses Thema hat meine Frau total verhärtet und verzweifeln lassen, ich denke, das war für sie traumatisch. Überall Selbstzweifel. Letztlich war dieser Moment der Grund, warum ich mich in Therapie begeben musste, sonst wäre wohl nichts mehr zu retten gewesen.

Vielleicht ahnt meine Frau auch etwas, gut möglich. Neues Selbstbewusstsein, gelegentlich neue Klamotten, viel Arbeit, viele Dienstreisen, mehr Engagement zu Hause, vielleicht ja auch zupackenderer Sex bei Gelegenheit. Ich weiß es nicht. Vielleicht kommt es eines Tages, wenn wir alt sind, zur Sprache: Was war da damals, als wir um die vierzig waren, Du warst plötzlich so verändert — hattest Du da was? Vielleicht werde ich es nie wissen. Auch das ist ein schwieriger emotionaler Zustand.

Als ich die Affäre beendet habe, von Angesicht zu Angesicht, bei ihr zu Hause, war meine Geliebte so verletzt und wütend, der Schmerz sitzt so tief, da ist immer noch nur Taubheit. Sie sagt mir, sie könne nicht schlafen, nicht essen, an nichts anderes denken. Ich weiß nicht, ob ich jemals jemandem so weh getan habe. Sie hat sich natürlich selbst getäuscht; sie sagt immer wieder, wir hätten es schaffen können. Ich habe ihr wohl auch Hoffnung gemacht. Aber ich konnte es nicht. Ich habe alles gegeben. Es gab keinen Streit, keine Enttäuschung, keine Krise. Ich habe ihr immer gesagt, ich werde mich nicht gegen meine Familie entscheiden. Sie hat das verstanden, so schien es. Da war nur pures Glück. Dann kam der Abgrund.

Aber ich konnte nicht mehr.

Hört sich verrückt an, oder? Wahrscheinlich kann man das gar nicht verstehen.

Es fühlt sich an, als hätte ich mir ein Stück aus meinem Herzen herausgerissen. Wir schreiben uns nach wie vor noch Nachrichten, viel seltener jetzt natürlich. Ich kann sie nicht von heute auf morgen auslöschen, diese vielen Erinnerungen, diese tiefen Gefühle. Diese Woche haben wir uns sogar einmal wiedergesehen, es musste wohl sein, aber es war furchtbar schmerzhaft, unendlich traurig. Von allen Menschen auf der Welt bin ich wohl derjenige, der am wenigsten geeignet ist, ihre Taubheit, Wundheit, Wut zu lindern, sie zu trösten, sie zu heilen.

Aber ich bin auch unendlich froh, wieder atmen zu können, und die Zeit und Aufmerksamkeit, die ich gewonnen habe, voll und ganz und mit Haut und Haaren meiner Frau zu schenken, meinen Kindern.

Zweiter Frühling.

Hoffentlich.